Wie jedes Jahr unternahm der Pianist Alexander von Schlippenbach eine „Winterreise“, die ihn auch nach Münster führte. Er war diesmal nicht in Begleitung von Evan Parker und Paul Lytton, sondern betrat gemeinsam mit dem Bassklarinettisten Rudi Mahall und dem Schlagzeuger Dag Magnus Narvesen die Black Box, die unter den gegebenen pandemisch bedingten Beschränkungen ausverkauft war.
Das Trio verstand es während des Konzerts nicht als monolithischer Fels zu erscheinen, sondern sich in solistischen Vorträgen und in Zwiegesprächen zu zeigen. Wer denn im Vorwege glaubte, es drehe sich nun alles um den Pianisten Alexander von Schlippenbach, fürwahr ein Urgestein des Gegenwarts-Jazz in Deutschland, der musste sich eines Besseren belehren lassen. Über weite Phasen lag der Focus schon auf dem Bass-Klarinettisten Rudi Mahall, der allerdings nur selten in die Tiefen seines Instruments eintauchte.
Bisweilen vernahm man Gutturales und Schnalzlaute, doch auch gebrochene Hochtönigkeit und sprunghafte Linien, wenn man Mahalls Vortrag folgte. Hier und da meinte man, man lausche einem Saxofon. Der sonst übliche eher samtene Klang einer Klarinette war nicht zu vernehmen. Während Mahall die Mitte des Bühnenraums einnahm, waren der Pianist und Schlagzeuger links und rechts von ihm platziert. Sinnbild?! Und wenn ja, für was?
Tief gebeugt saß Alexander von Schlippenbach über dem „Tastenfeld“. Überwiegend war der Pianist mit seinem virtuosen Tastenspiel im Diskant unterwegs. Kaskadierend war das, was wir hörten. Überlagert wurden die Tastenkaskaden von den „Saltos“ und „Klang-Flic-Flacs“, die Mahall uns darbot. Stets war ein Auf und ein Ab auszumachen. Hart gespannte Felle vibrierten unter den Schlägen von Dag Magnus Narvesen. Dreierschritte trafen auf „Alarmsignale“. Beim Zuhören konnte man auch das attackierende Klanggeschehen aus dem Gesamtklangbild destillieren. Derweil schien von Schlippenbach sein Fingerspiel auch vokal zu begleiten, achtete man auf seine Lippenbewegungen, die den Fingersetzungen folgten. Snare-Getrommel mischte sich mit Pfeif- und Fieptönen, die Mahall seinem Blasinstrument entlockte. Hier und da erinnerte dies an die Rufe von Blässgänsen in ihrem keilförmigen Vogelzug. Aufregung schien vorhanden zu sein. Ab und an lauschten wir auch langen Klangwellen, die durch kurze Sprunginterventionen durchbrochen wurden.
Beim Zwiegespräch zwischen dem Drummer und dem Pianisten meinte man, das Bild von hopsenden Kindern vor Augen zu haben, die im Himmel-und Hölle-Spiel vertieft sind. Auch huschende Gestalten über steile Steigen und Treppenstraßen drängten sich als Bild zum Gehörten auf. Beinahe wie ein Paukist agierte Narvesen bei seinem Solo. Dumpfe, kurze Schwingungen dominierten für Momente. Sacht war das Spiel auf dem Hi-Hat. Danach vereinte sich das Trio wieder, und Kehliges war dank Mahall auch mit im Klangspiel. Zumeist aber versuchte der Klarinettist, gleichsam die „Höhenzüge“ seines Instruments zu erklimmen. Mit seinem linken Fuß schien er eine zusätzliche rhythmische Komponente neben dem Schlagwerk einzubinden, indem er auf den Boden „stampfte“. Nervöses Spiel mit den Schlagwerkstöcken verband sich im weiteren Verlauf des Konzerts mit gebrochenen Stimmpassagen, die dem Klarinettisten geschuldet waren. Dädadadä verschmolz mit Dumdumdum.
Brandungswellen des Klangs durchströmten die Black Box. Man konnte beim Spiel des Pianisten auch an Wasserspiele denken, bei denen Fontänen unterschiedlich hoch Wasserstränge in die Luft schießen – und das in rhythmisch gesetzten Intervallen. Nur gelegentlich gab es melodische Läufe zu verfolgen.
Explosives Gebläse traf auf Gong-Spiel. Tinnitus-Klänge waren nahe. Tiktoktiktok – so äußerte sich der Schlagwerker für wenige Augenblicke. Die Bassdrum war nur selten zu hören, dafür aber gedämpfte Becken und Snare. Irgendwie schien Mahall insbesondere in seinem solistischen Spiel auch wechselnde Rollen einzunehmen, schien Ja- und Neinsager, schien Strukturen aufzubauen und zu variieren, zunächst ohne unmittelbaren Bezug zu seinen Mitmusikern, oder? Mahall setzte Punkte und Semikolons, war aber auch „kontrapunktisch“ zu Gange. Ekstase machte sich nach und nach breit. Und Mahall verwandelte seine Klarinette in ein arabisches Blasinstrument namens Arghul, so konnte man meinen. Irrungen? Wirrungen?
Auch Alexander von Schlippenbach hatte seine solistischen Momente und zelebrierte dabei gar ein dramatisches Werk mit klassischer Beigabe. Stummfilm-Begleitung oder was? Das, was wir hörten, schien urban, schien passend zu „Berlin - Sinfonie der Großstadt“, einem filmischen Epos der 20er Jahre zu sein. Abgründe wurden ausgelotet. Die Rush Hour wurde klanglich erfasst. Die urbane Kakophonie nahm ihren Lauf, ohne sich in Kakophonien zu baden. Flirrende Schraffuren fügte Mahall dem Tastenspiel bei. Und nahm er nicht auch Zitate aus der Geschichte des Jazz in seinem Vortrag auf? Bourbon Street Blues revisited ? Oder doch nicht …
Irgendwann war auch dieses Konzert zu Ende. Angesichts der fortschreitenden Pandemie ist zu hoffen, dass die Black Box auch weiterhin für Live-Konzerte offen bleibt.
Text and photos © ferdinand dupuis-panther
Infos
Line-up
Rudi Mahall – Klarinette
https://open.spotify.com/artist/3fWpO0FAD8yUnywWOwVyGZ
https://en.wikipedia.org/wiki/Rudi_Mahall
Alexander von Schlippenbach – Klavier
http://www.avschlippenbach.com
Dag Magnus Narvesen – Schlagzeug
https://dagmagnus.com
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