Nathan Ott 4tet – Continuum

N
An:Bruch
Auf dem von Nathan Ott gegründeten Künstler-Label An:Bruch ist das jüngste Album erschienen. Gleich zwei Tenor- bzw. Sopransaxofonisten gehören zum Quartett des in Berlin lebenden Drummers. Das ist durchaus ein Statement, verzichtet das Quartett doch auf das Klavier bzw. den Flügel als Harmonieinstrument.
Mit „Lyonel“ macht das Album auf, an dem der Drummer Nathan Ott einen überaus substantiellen Anteil hat. Das meint dann konkret, dass er nicht etwa ein marginaler Rhythmiker im Viererverbund ist, sondern das Schlagwerk mit allen Nuancen klangfärbend ins Spiel einbringt. So eröffnet Nathan Ott mit veritablen dicht gesetzten Trommelwirbeln das Stück und sorgt auch mit Becken und Basstrommel dazu, das ihm Gehör gezollt wird. Für Tinnitus-Provokationen sorgt er zudem, indem er den Trommelstock über das Blech zieht. Hier und da scheint er uns auch Theaterdonner erleben zu lassen. Nutzt er nicht auch Schlägel zum Spiel und verwandelt seine Trommeln klanglich in Pauken? Nachhallend vibrieren die angeschlagenen Becken. Wenn man meint, man komme in eine Rhythmusgleichform, dann bricht Ott im nächsten Moment wieder daraus aus.
Schlagzeuger und Bassist Jonas Westergaard führen gleichsam in den Titel „Opal“ ein. Im weiteren fügt einer der beiden Saxofonisten seine Klangtupfer und gestischen Klangstriche hinzu. Im weiteren Verlauf steigt auch der andere in die Gestaltung des Stücks ein. Hört man da Tenor- und Sopransaxofon sich vereinigen? Es hat den Eindruck. Teilweise ist das, was wir hören wie eine Klang-Couverture. Sebastian Gille und Christof Lauer verstehen es, uns mitzunehmen, auch in ein dramatisch strukturiertes Spiel. Zumindest hat man den Eindruck, man würde wie im Theater in eine Dramatisierung des Geschehens eingebunden. Würde man einem konventionellen Theater folgen, so wäre die Rollenverteilung die von zwei Streitenden oder im Diskurs Verstrickten. Klangargumente werden ausgetauscht, nachhaltig und ohne einen Millimeter vom Standpunkt abzurücken.
Danach folgt „David Gräber“, so der Titel einer weiteren Komposition von Nathan Ott. Musikalisch ist das Stück anfänglich durchaus im Bop-Kanon strukturiert. Dabei stimmen sowohl die Holzbläser als auch der Bassist immer wieder die thematische Grundlinie an. Doch dann löst sich der Bass aus dem Verbund, ist freigestellt und agiert solistisch. Lang schwingende Saitentöne sind zu vernehmen. und auch stimmlich scheint Westergaard seinem Spielfluss zu folgen. Aus der thematischen Phrase wird die Paraphrase. Voll ist der Klang des Tieftöners. Dabei scheint nicht nur das voluminöse Saiteninstrument ins Schwingen zu kommen, sondern auch der umgebende Raum. Überaus bewegt agiert nachfolgend einer der Saxofonisten. Was wir als stete „Wellenkämmen des Klangs“ wahrnehmen, ist zunächst einem der beiden Saxofonisten mit seinem Tenorsaxofon geschuldet. Und dann verknüpft sich der zweite mit diesem Spiel. Langwellig und sonor ist das Spiel zudem ausgeformt. Und dann ist auch Nathan Ott wieder mit sehr prononciertem Schlagwerk zu vernehmen. Voll ausgereizt wird das Klangspektrum des Tenorsaxofons bis in die Höhen und die Tiefen, die hier und da schon an ein Baritonsaxofon denken lassen, soweit es den Klang betrifft. Gegen Ende nimmt das Quartett wieder das Anfangsthema auf, das Erinnerungen an Nat und Cannonball Adderley weckt, oder?
Angesichts des Titels kann man nur vermuten, dass Nathan Ott dieses Stück David Graeber gewidmet hat. Er war einer der Initiatoren der Bewegung Occupy Wall Street und Miterfinder von deren Motto „We are the 99 percent“. Allerdings ist das nur eine Annahme des Rezensenten. Im Booklet findet sich darüber nichts!
Im Anschluss wird „The Previous Life“ vorgetragen. Dabei ist es an einem der beiden Tenorsaxofonisten die Klangfärbungen zu setzen. Wie zuvor auch, gibt es im Verlauf des Stücks wohl einen Positionstausch, denn es scheint, dass beide Saxofonisten im Wechsel im Einzelvortrag präsent sind, und sich dann gegen Ende gleichsam eine klangliche Doppelhelix entwickelt. Klarinette oder Sopransaxofon – das ist die Frage bei der Eröffnung von „Cosmos“. Und auch bei dem Arrangieren dieser Komposition hat Nathan Ott Wert darauf gelegt, dass Bass und Schlagzeug sichtbar sind und nicht nur hintergründig agieren. Zugleich scheint das Spiel der beiden Saxofonisten wie das Hin und Her eines Webstuhlschiffchens. Und zum Schluss hören wir „And They’ll Take What You’ve Got“, ein sehr gelungener Abschluss des sehr hörenswerten Albums des 4tet, in dem sich Generationen von Jazzmusikern vereinen!
© ferdinand dupuis-panther, 03.2025
Info
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Musicians
Christof Lauer -Tenor & Soprano Saxophone
Sebastian Gille - Tenor, Soprano Saxophone & Clarinet
Jonas Westergaard - Bass
Nathan Ott – Drums
Tracks
1 Lyonel 4:45
2 Opal 5:51
3 David Graeber 9:52
4 The Previous Life 4:35
5 Cosmos 6:07
6 Yunomine 7:56
7 And They’ll Take What You’ve Got 6:15
All compositions by Nathan Ott except And They’ll Take What You’ve Got by Jonas Westergaard