Dominik Raab Quartet – Mocambo Affair

D
JazzJazz
Der Kölner Drummer Dominik Raab entnimmt seinem Alltag Anregungen für seine Musik. So ist der Albumtitel und der Titelsong nach einem Supermarktbesuch entstanden. Dort muss die bevorzugte Kaffeesorte Mocambo erst aus einem gegen Diebstahl gesicherten Verkaufsschrank geholt werden. „Steht man an der falschen Kasse“, so Raab, „spürt man förmlich den Druck der Anstehenden. Die Verkäuferin muss den Kaffee von einer anderen Kasse herüberholen, was zu Stau und Zeitdruck in der Schlange führt. Diese Mischung aus Aggression, Verzweiflung und beklemmender Hilflosigkeit habe ich humorvoll-melancholisch im Titelstück meines neuen Albums verarbeitet.“
Mocambo weckt noch eine weitere Assoziation, nämlich die an einen legendären Nachtclub namens Mocambo in New York, wo einst Frank Sinatra seine Solokarriere begann. Passte da nicht auch das Quartett von Dominik Raab wunderbar in diese Clubszenerie, spielen die vier Musiker doch eine Musik, die sich der Tradition von Bop und Swing verbunden fühlt? Den vier Musikern, dem Saxofonisten Tony Lakatos, dem Pianisten Billy Test, dem Bassisten Doug Weiss sowie dem Drummer Dominik Raab, ist die Vorliebe für handgemachten Jazz, der vielfach als Mainstream abgetan wird, gemeinsam. Und dabei kredenzen sie ab und an auch eine Melange, die mit lateinamerikanischer und karibischer Rhythmik aufwartet. Man denke dabei vor allem an „Add4“. Traumwandlerisch agiert dabei Tony Lakatos an seinem Saxofon und nimmt uns mit in seine feurig-rhythmische Musikwelt.
Nein, mit dem Titelsong des Albums wird nicht aufgemacht. Statt dessen hören wir „Staring at the Sun“. Geprägt wird der Song zu Beginn von einem bassorientierten Pianospiel, und dann vernehmen wir nachfolgend ein weich gezeichnetes Saxofonspiel. Ist da etwa auch ein Teil der Musik aus dem Film mit dem rosaroten Panther zu hören? Dem folgt der Pianist im Anschluss nicht, sondern setzt seine eigenen dramatischen Fußnoten, stets begleitet von dem Beckenrauschen, das Dominik Raab zu verdanken ist. Sehr ausgeglichen ist das Spiel des Quartetts. Jeder der Musiker zeigt eigene musikalische Nuancen und Farbtönungen. Dabei begegnen sich der Saxofonist und der Pianist auf Augenhöhe. Und auch dem Bassisten wird Raum gegeben, in Tieftönigkeit zu schwelgen, sparsam begleitet vom Pianisten.
Raabs kleinem Sohn ist eine großartige Ballade gewidmet: Sie trägt wie der Sohn des Drummers den Namen „Emil“. Beim Hören kann man nicht umhin auch an einen anderen Kontext als den persönlichen des Drummers zu denken. Abendstimmungen meint man zu erleben, musikalisch eingefangen und dabei durchaus an die romantischen Impressionen anknüpfend, die wir von Johan Christian Dahl in der bildenden Kunst kennen. Zugleich strahlt die Musik etwas Unbeschwertes aus. Der Pianist ergeht sich in perlendem Spiel und in der musikalischen Umsetzung von konzentrischen Kreisen im Wasser, nachdem auf die Oberfläche ein Stein aufgetroffen ist. Eine gewisse „Erdigkeit“ legt der Bassist in seinem Solo an den Tag, gepaart mit „diskanten Akzenten“ des Pianisten.
„Alfred Jodokus Kwak“ knüpft im Namen an eine Musikfabel des niederländischen Liederkomponisten Herman van Veen an. Bei der Fabelfigur handelt es sich um eine Ente, die durchaus Ähnlichkeit mit Donald Duck hat. Getragenes Saxofonspiel erleben wir. Tropfen für Tropfen steuert der Pianist weitere Klänge bei. Und welches Bild malen die beiden Musiker? Das eines niedergeschlagenen Entleins, besagter Alfred Jodokus Kwak? Man könnte es meinen. Und auch der Bassist fügt sich in die Stimmungslage ein, die der Pianist und der Saxofonist umgesetzt haben. Würde man den Titel des Songs nicht kennen, so könnte man beim Hören an einen nordischen Herbst denken, an Nebelschwaden über der flachen grünen Landschaft, an letztes Laubrauschen. Es scheint so, dass die grauen Wolken tief hängen und das Land küssen, so wie Jacques Brel es in seiner Ode an sein Flandernland besingt.
Sonor und leicht getragen ist Lakatos' Saxofonspiel in „Mocambo Affair“. Dabei meint man, Blue-Note-Klassiker zu vernehmen und sich zugleich am Ort des Films „Round Midnight“ aufzuhalten, in einem verrauchten Jazzclub zur „Blauen Stunde“. Ja, fürwahr Freddie Hubbard oder Dexter Gordon scheinen im Geist zugegen zu sein.
Mit intensiven Trommelwirbeln macht das rasante „Quick Sip“ auf. Stellenweise meint man, das Quartett sei auf den Spuren der Adderley Brothers unterwegs. Ein musikalischer Leckerbissen ist das Solo von Tony Lakatos, das sich über Raabs „Trommelgestäube“ legt. Brillant ist außerdem Billy Test in seinem temporeichen Klaviersolo, das einem musikalischen Wildwasser gleicht, das nahezu ungezügelt ist. Kaskadenrausch erleben wir dabei obendrein. Und schließlich hebt Dominik Raab zu heftigen Verwirbelungen ab, ehe dann Lakatos mit seinem Saxofon die Färbung des Stücks nachhaltig bestimmt. Mit „Sneaky“ findet das Album einen überaus gelungenen Abschluss. Blue Note lässt auch hier grüßen, oder?
© fdp 2025
Info
BANDCAMP
https://jazzjazz.de
Musicians
Tony Lakatos – Tenor Saxophone
Billy Test – Piano
Doug Weiss – Bass
Dominik Raab – Drums
Tracks
01 Staring at the Sun 05:31
02 Narc and Bark in the Park 06:02
03 Emil 05:28
04 Add 4 04:04
05 Alfred Jodokus Kwak 04:50
06 Smirk 04:27
07 Mocambo Affair 04:41
08 Quick Sip 03:34
09 Sneaky 03:45