Brom - Beierbach / Roder / Marien - A Night And 43 Seconds
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B
Tiger Moon Records
Der Bandname Brom hat nichts mit dem Element Brom aus dem Periodensystem zu tun, oder? Nein, es ist schlicht aus den Zunamen der Musiker zusammengesetzt worden. Und wenn dann doch Brom als Idee mitschwang? Brom stammt aus der Gruppe der Halogene des Periodensystems.
Das Element ist stark ätzend auf Haut und Schleimhäuten und die Reaktionen mit Brom sind oftmals sehr exotherm, sodass eine große Hitzeentwicklung beobachtet wird. Na ja, ätzend sollte Musik und vor allem eher frei sich entwickelnder Jazz nicht sein, vielleicht aber hitzig. Nun ja, belassen wir die Namensgebung mal bei der „Collage der Nachnamen“. Alles andere führt wohl eher in die Irre und drängt die Musik, die wir auf dem Album hören, in eine Ecke, die ihr nicht gerecht wird.
Zu Beginn ist der Titel zu hören, der auch den Namen des Albums bestimmt: „A Night And 43 Seconds“. Als Ergänzung hören wir in der Klangcollage dann auch angehängt „ It´S In The Trees“ / „Let My Shadow Reign And Choose“. Gemeinsam modellieren die drei Musiker ein Klanggesamtmosaik. Und wie man weiß, besteht ein Mosaik aus vielen Elementen. Dem entsprechen die Musiker, ob mit ausgedehntem sonoren Saxofonspiel oder beinahe hektischem Schlagzeugspiel. Der Bassist bekommt auch seinen Gestaltungsraum, den er nicht nur mit den schwingenden Saiten, sondern auch inbrünstiger Stimme ausfüllt. Ob die stimmliche Begleitung bewusst ins Bass-Spiel eingepasst wurde, ist eher unwahrscheinlich. Vielmehr ist die Stimme von Jan Roder eine spontan entstandene Ergänzung und dient der Unterstützung des Spielflusses auf dem Tieftöner. Ein hohes Kling-Kling und Kling-Dong-Kling gemeinsam mit den welligen Saxofonsequenzen dringt an unsere Ohren. Wollte man die Saxofonpassagen bildhaft beschreiben, so fiele einem wohl ein Bachlauf ein, der hier und da auf im Bachbett liegende Felsbrocken trifft. Die Klangkontinuität wird unterbrochen, wieder aufgenommen und fortgesetzt. Klangsignal reiht sich an Klangsignal. Schlagwerkrausch breitet sich aus, vor allem dank des intensiven Beckenspiels von Christian Marien. Er setzt seine Akzente zu den Klangphrasen von Alexander Beierbach. Dieser hört sich wie jemand an, der in einem Redefluss eingebunden ist, aus dem es mit Macht gilt auszubrechen. Doch eher scheint es, eine um sich kreisende Rede zu sein, der wir zuhören. Teilweise ist auch eine Rede „vertont“, die an den Rändern ausfranst. Argument des Klangs folgt auf Argument des Klangs. Stets dabei die Versicherung abgebend, dass die „Klangworte“ der Rede genau die sein müssen, die wir wahrnehmen, Schritte für Schritt, wie in dem Solo, das wir erleben. Und am Ende scheint es nur noch sich übertrumpfende Redebeiträge zu geben, folgt man dem Saxofonisten in seinen Äußerungen.
Was, so fragt man sich, hat die Komposition „Glimmer“ mit dünnen Blättchen von Silikatmineralien gleichen Namens zu tun? Lassen wir uns mal auf die Klangwelten von Brom ein, dann werden wir es unter Umständen in Erfahrung bringen. Gezische und Gefiepe, dazu ein eher dunkles Klong. Vogelstimme oder was – das fragt man sich beim Hören auch. Geheimnisvoll klingt das, was wir hören. Assoziationen an symbolistische Gemälde von Städten wie Brügge im Nebel drängen sich auf. Einer Leitstimme gleicht der „Saxofon-Gesang“, der uns als Hörer an die Hand nimmt und uns Geleit gibt. Aufgewühlt hört sich zudem an, was Beierbach seinem Holzbläser als „Klangschwaden“ entlockt. Er erscheint wie ein „Stadtführer des Klangs“, der an seine Zuhörer wichtige Orientierungen über dies und das gibt. Hört man da nicht auch Industrial Noise im Hintergrund, dank an Christian Marien? Schwirrendes breitet sich aus und zudem ein gedämpftes Klong-Klong. Jan Roder äußert sich verhalten und lässt nur einzelne Bass-Saiten flirren.
Weiter geht es mit „Lazy Layers“. Mit viel Dynamik gestaltet der Saxofonist das Stück. Man hat gar den Eindruck, man würde querfeldein von ihm geführt, wäre auf einem Crossradrennen unterwegs. Schnell gesetzt sind die rhythmischen Linien des Schlagzeugers, der dabei dem Saxofonisten folgt bzw. diesen vor sich her treibt. So hat es den Anschein. Pausiert wird nicht. Es geht nur voran und nie zurück, wenn nicht beim ersten, dann beim zweiten Anlauf, oder? Fäden des Klangs werden gesponnen, verknotet und ein neuer Faden angefangen. Dabei röhrt das Saxofon ein wenig im Tenor.
Und schließlich wird mit „Sepia“ im Titel u.a. auf den braun- bis grauschwarzen Farbstoff Bezug genommen, der aus dem Tintenbeutel von Tintenfischen (Sepien) gewonnen wird, die diesen als Wehrsekret einsetzen. Und was heißt das nun für den musikalischen Vortrag des Trios? Hört man da Wellengänge und Unterwassergeräusche? Man könnte es zu Beginn der Komposition meinen. Die gemächliche Bewegung eines Tintenfisches ist wohl nicht eingefangen worden. Eher stellt man sich eine Attacke vor, ein Tintenschwall, in dem der Sepia verschwindet. Oder wurde musikalisch ein Kampf zweier paarungsbereiter Männchen eingefangen? Angesicht der hektisch erscheinenden Saxofonpassagen, wäre das ein durchaus anzuwendendes Bild. Doch unter Umständen ist auch dieser Titel eher ein Zufallsergebnis und entführt uns nicht in die Welt von Tieren, die sich dank eines ausgestoßenen Wasserstrahls fortbewegen.
© fdp2025
Info
https://www.tigermoonrecords.de/de/
BANDCAMP
Alexander Beierbach – tenor saxophone
Jan Roder – bass
Christian Marien – drums
Tracks
01 – A Night And 43 Seconds / It´S In The Trees / Let My Shadow Reign And Choose (15:59)
02 – Glimmer (05:01)
03 – Lazy Layers (06:40)
04 – Mysterious West / A Retrograde Supreme / Pendelnd (15:02)
05 – Triadic Trial / Nimbostratus (06:09)
06 – Sepia (05:45)
total time: 54:39
all compositions by Alexander Beierbach